Dienstleistungen der Gesundheitsvorsorge
Medical Wellness leistet den Brückenschlag zwischen Medizin und touristischem Wellnessangebot. Mit ernsthaften, fundierten Konzepten kann sich die Hotellerie profilieren.
von Silvia Rütter (Greven)
Superior Hotel – Fachmagazin für innovative Hotellerie (siehe unten)
Oktober 2008 / Ausgabe 10
Früher waren wir Jäger und Sammler. Heute übernehmen Maschinen und Kraftfahrzeuge die Aufgaben, für die einst unsere Muskeln verantwortlich waren. Bekannte Folgen sind: Bewegungsarmut, Stress, Überfettung, Herz-Kreislauf- Erkrankungen und vieles mehr. Durch die schrumpfende Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems haben die Menschen längst erkannt, dass sie eigenverantwortlich handeln müssen. Doch wann verfügt man über Zeit, etwas für sich zu tun? Im Urlaub! Hier liegt eine große Chance für Hoteliers, denn Gäste sind mehr denn je zu sinnvollen Investitionen in ihre Zukunft bereit. Älter werden alle, fragt sich nur, in welcher Qualität. Gleichzeitig steckt hier auch ein Risiko: Als der Begriff „Wellness“ aufkam, sprangen viele Hotels auf diesen Zug auf und bezeichneten sich bereits als Wellnesshotel, wenn sie eine Sauna oder einen Whirlpool installierten. Massagen mit Zartbitterschokolade, Kaffeepeelings, Sahnebäder oder die Pfirsich-Popo-Kur entfach(t)en Diskussionen um den „Wellnepp“. Kein Wunder also, dass nach einer Studie der Universität München nur jeder sechste Gast sein besuchtes Wellnesshotel weiterempfehlen wollte. Lutz Hertel, Geschäftsführer des Deutschen Wellness Verbandes, beklagte erst vor kurzem in der ARD Beschwerden über leere Produktversprechen, Abzocke und üble Täuschung. Wenn es nun um Medical Wellness geht, steht der präventive und die Gesundheit fördernde Charakter des Angebots eindeutig im Mittelpunkt. Was können Hoteliers tun, um ein Konzept auf die Beine zu stellen, das diesen Anforderungen entspricht und vom Hotelgast entsprechend angenommen wird? Wer bringt Licht in die Grauzone zwischen Champagnerbad und Kneippaufguss? Wie können sich Hoteliers als ernsthafte Anbieter von Medical Wellness profilieren? Wir sprachen mit dem Medizinjournalisten und Pressesprecher des Deutschen Medical Wellness Verbandes, Rainer Bubenzer.
Warum gibt es so viel Verwirrung um den Begriff Medical Wellness?

Rainer H. Bubenzer
Das wachsende Marktvolumen im deutschen Gesundheitswesen beträgt derzeit rund 300 Milliarden Euro. Die klassischen Marktteilnehmer, zum Beispiel Krankenhäuser oder Kostenträger, sehen eine Stärkung des Selbstzahlerbereiches, zu dem auch Medical Wellness gehört, nicht gerne. Zum einen, weil darin eine Kritik an dem System zum Ausdruck kommt (zum Beispiel »Patient anstatt Kunde/Klient«, »Technik anstatt Menschlichkeit«, »Chemie anstatt Natur«). Zum anderen, weil vorbeugende Medizin, ein wesentliches Anliegen von Medical Wellness, nicht mit einem Krankheitswesen kompatibel ist, das Milliarden für die spät einsetzenden Behandlungen von Erkrankungen ausgibt, denen gut hätte vorgebeugt werden können. Wellnessanbieter hingegen können mit dem Adjektiv »Medical« oft nicht so viel anfangen, weil Wohlfühlangebote nicht unbedingt die Nachhaltigkeit und Qualität von gesundheitswissenschaftlich fundierten Medical Wellness Angeboten haben.
Ist Medical Wellness nichts anderes als die gute, alte Kur in neuer Marketinghülle?
Selbst wenn viele Kurmaßnahmen deckungsgleich mit Medical Wellness Angeboten sind, gibt es große ideelle Unterschiede. Das immer weiter ausgedehnte Krankenversicherungssystem nach Bismarckschem Vorbild hat im 20. Jahrhundert die Badekur in vielen ihrer Ausprägungen quasi »geschluckt«. Im weiteren Verlauf der Entwicklung sind die ganzheitlichen, gesundheitlichen Ansprüche klassischer Kurmedizin verlorengegangen – die Freiheit von Menschen, sich für ihre Gesundheit verantwortlich einzusetzen und damit letztlich die Power dieser Gesundheitsalternative, vorbeugende Angebote für Körper, Seele und Geist ihrer Kunden zu bieten. Die überwiegende Streichung von kur- und bademedizinischen Maßnahmen aus dem Leistungskatalog der GKV besiegelte schließlich diese Entwicklung. Medical Wellness hingegen knüpft an fast vergessene Traditionen der Kur- und Bademedizin an, wie sie seit Jahrtausenden auf allen Kontinenten der Erde entwickelt und gepflegt werden.
Wo beginnt Medical Wellness und wo hört sie auf? Worauf müssen Hoteliers achten?
Funktionell betrachtet, sollten Hoteliers, die Medical Wellness anbieten, bedenken, dass solche Dienstleistungen medizinisch sinnvoll und gut durchdacht sind, dass ein erkennbarer gesundheitlicher Nutzen für die Kunden besteht. Wesentlich ist auch, dass der schmale Pfad zwischen medizinischer Diagnose und Therapie einerseits und Medical Wellness andererseits im Interesse der Kunden am besten ärztlich begleitet wird (zum Beispiel über eine ärztliche Eingangsuntersuchung und eine ärztliche Rufbereitschaft). Die Angebote sollten eher gesundheitlich vorbeugend wirken, Lebensfreude stimulieren, zu einem ganzheitlichen Empowerment der Kunden beitragen (also nachhaltig auch den folgenden Alltag positiv verändern). Medical Wellness ist vom Kern her also keine Therapie- oder Rehabilitationsschule für Kranke, keine Sammlung von »Reparaturmaßnahmen«, sondern macht Kunden Angebote für ein selbstbestimmtes, gesünderes und erfüllteres Leben. Die mit Anbietern assoziierten Health Professionals müssen bestimmte Qualifikationen haben, zum Beispiel im Bereich der ganzheitlichen Medizin. Einer der Impulse, die zu Medical Wellness als neuem Leistungsbereich auch in der Hotelbranche geführt hat, war und ist die manchmal unbefriedigende Situation bei Wellnessangeboten: Nämlich die oftmals kaum differenzierte Überfülle der Maßnahmen, die fehlende wissenschaftliche Begründung mancher Angebote oder die ungenügend nachhaltige, auch medizinische Betreuung der Kunden. Die »Kunst der Beschränkung« und die Förderung von Qualität sind mit Sicherheit auch in der Heilkunst und den umliegenden Medical Wellness Aufgabenbereichen förderlich. Auf der ideellen Seite sollten Medical Wellness Anbieter bedenken, dass ein »Lifestyle of Health and Sustainability« (LOHAS) kaum etwas mit der Rehabilitation zivilisationsgeplagter Gegenwartsbürger zu tun hat, sondern mit selbstverantwortlicher Förderung der eigenen Gesundheit und einer gesunden (Um-)Welt, die dies überhaupt ermöglicht.
Was tun Sie als Verband, um Licht ins Dunkel zu bringen?
Der Deutsche Medical Wellness Verband setzt Standards, die es potenziellen Anbietern erlauben, Inhalte oder Zielsetzungen besser zu definieren, dabei auch ihre Zielgruppen noch klarer zu erkennen und letztlich Angebote zu entwickeln, die für alle Beteiligten von maximalem Nutzen sind. Das mit dem TÜV Rheinland entwickelte Zertifizierungsverfahren umfasst dabei grundlegende Eigenschaften, die jeder Medical Wellness Anbieter – jeweils in seinem Marktsegment – erfüllen sollte. Die qualitative Auszeichnung »Zertifiziert/geprüft durch den DMWV« wird so in der Kundenkommunikation ein gewichtiges Argument, um sich für einen Anbieter zu entscheiden.
Profil
Der Deutsche Medical Wellness Verband
- leistet Verbrauchern Orientierungshilfe in einem Markt, der sich aufgrund seines raschen Wachstums wenig transparent präsentiert und der durch die Komplexität seines Angebots den Nichtmediziner leicht überfordert.
- bietet Betreibern, Anbietern und Projekt planern im Medical Wellness Markt ein Forum zur Bündelung ihrer Tätigkeiten und zur Ab stimmung aktueller Ergebnisse von Forschung und Lehre; dazu dienen etwa eigene Publikationen sowie Seminare und Schulungen des Verbandes.
- fördert den Medical Wellness Gedanken in der Öffentlichkeit unter anderem durch die Mitwirkung in geeigneten Foren und Verbänden sowie durch eigene Marketingmaßnahmen.
Mehr Informationen unter www.dmwv.de
